löffelliste

Die Löffelliste. Eine Zusammenfassung all derer Dinge, die du unbedingt noch tun möchtest in deinem Leben, bevor du stirbst – den Löffel also abgibst. Annegret und Petra führen gemeinsam den Blog Totenhemd. Darin schreiben sie über das Sterben und die Endlichkeit des Lebens. In einer Aktion im September haben sie zu einer Blogparade für November aufgefordert. Thema ist die Löffelliste.  Alle weiteren Informationen und die anderen Beiträge findest du hier. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen und schreibe hier nun, wie es dazu kam, dass meine Löffelliste den Löffel abgegeben hatte, obwohl ich aber noch am Leben bin.

Vor mehr als 4 Jahren, als ich noch Geschichtswissenschaften in Innsbruck studierte habe, machte ich mir wenig Gedanken über das Sterben und den Tod. In meinem Kopf herrschte eine gewisse Unendlichkeit des Lebens und ich sah mich ganz klar 90 jährig in einem Couchsessel wippen und auf mein schönes Leben zurückzublicken. Sterben würde ich sanft und ruhig, in diesem Sessel. Ab und zu machte ich mir Gedanken, was ich denn alles bis dahin unbedingt erlebt haben will. Es war eine Mischung zwischen Traumvorstellung und einer konkreten Löffelliste.

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, hier ein paar Punkte aus dieser Liste:

  • Mit circa 30 Jahren eine Sex and the City Tour mit meinen drei jüngeren Schwestern nach NewYork machen
  • Mit jeder meiner Schwestern einzeln nach dem Studium in den Urlaub fliegen
  • Mit meiner Schwester Larissa nach Wien ziehen und dort Archivwissenschaften studieren
  • Einmal richtig Surfen gehen
  • Ein Buch schreiben – Thema wusste ich noch nicht, aber ich liebte das Schreiben
  • Im Staatsarchiv, Landesarchiv oder Stadtarchiv arbeiten
  • eine eigene historische Ausstellung organisieren
  • Artikel in Zeitschriften der Geschichtswissenschaften veröffentlichen
  • ein eigenes Haus besitzen
  • auf jedem Kontinent dieser Welt mindestens einmal gewesen zu sein, hier vor allem eine ganze Reihe an historischen Plätzen besuchen
  • nach dem Studium eine Fernreise machen
  • Sambatanzen in Brasilien in einem echten Sambaoutfit

Mich faszinierte schon immer die lateinische und altgriechische Sprache und hier vor allem in Verbindung mit den Archivwissenschaften. Ganz besonders hat es mir die Paläographie angetan. Ich träumte von großen Forschungen, Projekten und neuen Erkenntnissen. Ich kann nicht genau sagen, warum mich dieses Gebiet so faszinierte. Vielleicht war es der Gedanke daran, woher wir kommen und warum wir heute zu dem wurden, was wir sind. Ich weiß es nicht, oder vielleicht kann ich mich auch nicht mehr daran erinnern. Damit zu arbeiten erfüllte mich auf jeden Fall in gewisser Weise und machte mich glücklich.

Nachdem am 13.09.2013 meine Schwester Larissa ermordet wurde und ich sie verabschieden musste, verabschiedete ich mich gleichzeitig auch von meiner Löffelliste. Die ersten drei Punkte waren schlichtweg nicht mehr möglich, zumindest nicht in der Form, wie wir es geplant und gewünscht hätten.

Meine Löffelliste starb, ohne, dass ich selbst den Löffel abgegeben hatte. Eine Liste, die mir so sicher erschien, löste sich von heute auf morgen in meinen Händen auf.

Lange Zeit habe ich erst gar keinen Sinn mehr im Leben gesehen und mir auch keine Gedanken über eine neue Liste gemacht. Ich wusste zu Beginn nicht einmal, ob oder wie ich das Studium noch beenden sollte. Als ich dieses wieder langsam aufgenommen hatte, spürte ich, dass mich dieser Traum von Wien und den Archiven nicht mehr glücklich machte und erfüllte. Ich sah darin schlichtweg keinen Sinn mehr. Dennoch beendete ich mein Studium erfolgreich und machte mich auf den Weg nach Wien, alleine, ohne meine Schwester. Aber für sie. Weil sie doch so gerne studieren und unbedingt nach Wien ziehen wollte.

Nachdem ich mit dem Training begonnen hatte, entwickelten sich Stück für Stück neue Ziele, Wünsche und Träume, die ich unbedingt noch erleben wollte, bevor ich mich zu meiner Schwester Larissa geselle.

Im Jänner 2015 sah meine Liste plötzlich so aus:

  •  eine Sex and the City Tour mit meinen zwei jüngeren Schwestern nach NewYork machen
  • alleine nach Wien ziehen
  • mit Mara und Anna separat alleine in den Urlaub fahren
  • im Sportbereich selbstständig arbeiten und Menschen mit Bewegung helfen
  • Ein Charityevent organisieren
  • ein Buch über den Tod meiner Schwester und die Bewältigung der Trauer schreiben
  • einen Halbmarathon und Marathon laufen – auch wenn der Arzt und Physio sagt, es sei für mich nicht wirklich möglich
  • einen Muscleup können (Übung aus dem Calisthenics)
  • einen Handstand können
  • einen Blog schreiben – worüber genau wusste ich hier noch nicht
  • einen Artikel in einer Zeitung veröffentlichen
  • ein eigenes Haus besitzen
  • auf jedem Kontinent dieser Welt mindestens einmal gewesen zu sein, historische Plätze besuchen und überall trainiert zu haben
  • meine Höhenangst bekämpfen und klettern gehen
  • Sambatanzen

Meine Liste hatte sich fast vollkommen geändert. So wie sich eben auch mein Leben an diesem einen Tag änderte. Was ich dann schnell begriff war, dass ich diesmal nicht mehr warten möchte auf später, ein irgendwann, um diese Liste anzugehen, sondern sobald es mir möglich ist, eins nach dem anderen zu erledigen. Ich habe mein Studium erfolgreich beendet, mein komplettes Zimmer verkauft und bin von heute auf morgen einfach nach Wien gegangen, ohne zu wissen, was mich erwartet, ohne eine Jobaussicht zu haben. Aber mit dem Gedanken im Gepäck, dass das Leben schnell vorbei sein kann und ich das Schlimmste bereits ohnehin überlebt hatte, konnte mich nicht wirklich etwas davon abhalten, es einfach zu probieren.

Die Fernreise und das Surfen hatte ich bereits mit Ende 2014 erledigt, als ich für einen Monat nach Sri Lanka geflogen bin. Mit Mara reiste ich dann Anfang 2016 alleine für eine Woche nach Fuerteventura. Zwei Wochen davor haben wir diese Entscheidung ziemlich spontan getroffen und ich bereue sie bis heute nicht. Ein Urlaub voller wunderschöner, warmer Erinnerungen. Und ein Häkchen mehr auf meiner Liste. Anna ist als nächstes an der Reihe, sobald mein kleiner Neffe die Dauer des Urlaubes alleine bleiben kann.

Es war nicht leicht in Wien damals, aber ich habe meine Liste nicht aus den Augen gelassen und absolvierte eine nach der anderen Sportausbildung. Das Buch habe ich begonnen und bin mittlerweile fast fertig. Meinen Halbmarathon bin ich spontan damals zu Gunsten eines Charity-Runs in Wien und habe sogar 24 Kilometer geschafft. Darauf bin ich besonders stolz. Die genaue Geschichte dazu und auch meinen zweiten Lauf, bei dem ich 25 Kilometer lief, findest du hier. Und auch mein eigenes Charity-Event konnte ich erfolgreich meistern. Am Muscleup und Handstand muss ich noch etwas feilen, aber ich bin fest davon überzeugt, dass ich sie irgendwann toll meistern kann. Zum Blog brauch ich nicht viel sagen, den liest du ja gerade 😉 Auch in der Zeitung wurde ein Artikel bereits veröffentlicht, worauf ich ebenso stolz bin.

Haus besitze ich noch keines und auch das Reisen konnte ich mir noch nicht leisten. Alles gleichzeitig geht natürlich nicht, was du dir auch immer wieder bewusst machen musst, aber eins nach dem anderen, das geht auf jeden Fall. Meine Höhenangst hat sich deutlich verbessert, indem ich mich überwunden habe über die längste Hängebrücke Europas in Reutte zu gehen. Außerdem habe ich einen Klettergarten und einen Klettersteig bewältigt und mich selten so lebendig gefühlt..

Das Leben ist unberechenbar und immer mal wieder für eine Überraschung gut. Somit stell dich drauf ein, dass sich deine Löffelliste vielleicht hin und wieder ändern mag. Oder du musst neue Wege finden, wie du sie umsetzen kannst. Das wichtigste ist, dass du dich nie aufgibst und immer dran bleibst. Denn ganz viele Wege können zum Ziel führen. Ich habe lernen müssen, dass diese Liste, sowie das Leben selbst wandelbar ist und Veränderungen mit sich bringen kann. Lass dich auf diese Veränderungen ein und kreiere auch immer wieder neue Ziele, die du auf diese Liste setzen kannst. Und behalte sie fest im Blick, häng sie dir auf und verfolge sie stets. Jeder Punkt darauf wird dir unfassbar schöne Erinnerungen schenken und dir Lebendigkeit geben.


Hast auch du eine Löffelliste? Wie hat sich deine Liste nach deinem Verlust verändert?