weihnachtsbaum

Es ist Weihnachten. Dort wo andere hektisch in den Geschäften noch nach einem letzten Geschenk suchen und tonnenweise Essen einkaufen, sitze ich nun hier, am Grab meiner Schwester. Früher war ich anders. Ließ mich genauso von dieser materiellen Welt mitreißen. Doch heute, während ich hier sitze, weiß ich, dass es nur ein wirklich bedeutendes Geschenk gibt. Nämlich die Zeit. Am Grab meiner Schwester gibt es viel an Schmerz, aber auch ganz viel an Liebe. Vor meinem ersten Weihnachten ohne sie hatte ich Angst. Wie soll ein Weihnachten ohne sie denn stattfinden? Wie soll das ausschauen? Was erwartet mich an Schmerz und wie kann ich damit umgehen? Und wie funktioniert das innerhalb der Familie? Wenn auch dir diese Fragen bekannt vorkommen, helfen dir hier vielleicht meine persönlichen Erfahrungen.

Das erste Weihnachtsfest ohne dich

Für uns als Familie war schnell klar, dass Weihnachten trotzdem stattfinden solle. Dennoch wollten wir kein gleiches Weihnachtsritual, wie sonst immer. Denn schließlich fehlte meine Schwester. Wir entschieden uns deshalb in der neuen Wohnung meiner Schwester Anna zu feiern. Sie war gerade, als Larissa sterben musste, umgezogen. Mit dieser Wohnung haben wir Larissa nicht verbunden und konnten somit ein bisschen Abstand von den schmerzvollen Erinnerungen haben. Denn gerade am Anfang sind zu viele davon fast unerträglich und der Schmerz daran zu groß. Besonders wenn alle Familienmitglieder aufeinander treffen und jeder einzelne in Trauer ist. Da hat uns der Ortswechsel ein bisschen Schwere raus genommen.

Traditionell treffen wir uns immer um die Mittagszeit in einem kleinen Lokal. Dort versammelt sich das halbe Dorf, trinkt Sekt und wünscht sich gegenseitig schöne Weihnachten. Früher stand ich dort mit Larissa, habe gelacht und getanzt. Diesmal war ich mit meiner Schwester Anna dort und meiner Mama. Meine jüngste Schwester musste im Spar arbeiten. Unglaublich eigentlich, wenn ich heute 4 Jahre später daran zurück denke. Ich wollte in dieses Cafe gehen, weil ich dachte, dass ich die Erinnerung an letztes Jahr in mir aufsaugen könnte. Ich dachte, so könnte ich Larissa mehr spüren. Doch ich fühlte mich dort nicht besonders wohl. All die Blicke der Leute spürte ich in meinem Nacken. Ich fühlte mich beobachtet und überfordert mit der lustigen Weihnachtsstimmung. Und dennoch spielte ich für den Moment mit und setzte mein künstlichstes Lachen auf. Auch in Annas Augen konnte ich erkennen, dass sie sich eher unwohl fühlte.

Nachmittags wollte ich dann mit meiner Mama den Baum schmücken. Larissa hatte uns früher dabei geholfen. Und da passierte es dann auch. Eine Welle an Schmerz kam hoch in mir, als ich da am Boden saß und aus mir brach alles heraus. Innerhalb der Familie passiert aber leider oft, dass man glaubt, füreinander stark sein zu müssen.  Sprich, voreinander ständig zu weinen glaubt man, würde das Gegenüber schwächen. Ein absolut bescheuerter Irrglaube, der sich irgendwie durch unsere gesellschaftlichen Normen eingebürgert hat. Unser Lachen verstecken wir doch auch nicht voreinander? Meine Mama hatte von klein auf gelernt, stark sein zu müssen und keine Traurigkeit zu zeigen. Doch gerade als Tochter habe ich mir hier oft gewünscht, mehr echte Gefühle meiner Mama zu sehen, statt die Härte, die sie nach außen zeigte. Ich verstehe, ihre Angst dabei, nicht mehr funktionieren zu können, wenn sie dies zugelassen hätte und auch ihre Angst, dass diese Schwäche ihren Kindern schadet und sie zum Aufgeben animiert. Doch ist es einfach etwas vollkommen Menschliches zu weinen, gerade dann, wenn man jemanden vermisst.

Weil ich eben meine Mama mit meiner Traurigkeit nicht überfordern wollte, bin ich dann auf und zu meiner besten Freundin ins Haus gegenüber. Bei ihr konnte ich mich einfach fallen lassen, ich konnte alle Gefühle raus lassen und weinen. Sie hat es ausgehalten und mich sein lassen. Dafür bin ich bis heute so unfassbar dankbar!

Später dann haben wir uns alle bei meiner Schwester Anna getroffen. Sie erzählte mir, dass auch sie einen kleinen Zusammenbruch hatte und alles aus ihr raus gebrochen sei. Als wir dann gemeinsam beim Essen waren, haben wir offen über Larissa gesprochen und auch oft gelacht und uns gemeinsam erinnert. Am späten Abend bin ich dann noch mit Freunden von Larissa und mir in die Apres Ski Bar gefahren, wo Larissa so gerne hingegangen ist. Dort war sie überall spürbar und ihr Lachen hörbar. Ich habe alles angefasst und nachgestellt, was Larissa dort noch 2012 gemacht hatte. Ich wollte ihr einfach nah sein und das war mein persönlicher Weg dies zu tun. Und dort haben wir uns ausgetauscht, gemeinsam erinnert und miteinander geweint. Mittags im Cafe war dies noch unmöglich, Abends dann plötzlich wollte ich genau dort sein, wo sie immer war. Das ist Trauer. Unberechenbar.

Larissa Weihnachten 2012 in der Apres Ski Bar

 

Ich Weihnachten 2013 in der selben Bar

Trotz all dem Schmerz war es dennoch ein Abend, der voll mit Liebe war. Und wenn ich auch nicht wusste, wie es weitergehen sollte, habe ich fest daran geglaubt, dass wir das alles gemeinsam durchstehen können.

Und das haben wir auch. Dieses Jahr freue ich mich auf Weihnachten. Ich weiß, dass der Schmerz kommen wird, aber mittlerweile weiß ich auch, wie ich damit gut umgehen kann und was ich dann in solchen Momenten brauche.

Meine Tipps für dich an Weihnachten

Falls du noch am Anfang deines Trauerweges stehst und dir unzählige Fragen durch den Kopf gehen, hier meine Ratschläge. Sie müssen dir nicht in der Form helfen, können aber Anreize sein.

Trauer darf sein

Auch, wenn du dich vielleicht von all der Festtagsstimmung unter Druck gesetzt fühlst, soll dir bewusst sein, dass deine Trauer sehr wohl erlaubt ist. Wenn du nicht in Stimmung bist Weihnachten zu feiern oder merkst, dass du nicht lachen magst und kannst, dann musst du das auch nicht. Erzwungene Gefühle helfen keinem weiter und schaden nur dir selbst. Begrüße deine Trauer herzlich und nimm sie an! Sie ist Teil von dir und darf sein.

Sprich mit den anderen

Setzt euch in der Familie zusammen und erzählt euch von euren Ängsten bezüglich Weihnachten. Vielleicht geht es ja nicht nur dir so? Jeder trauert anders und ein Verständnis dem gegenüber ist ungemein wichtig. Zeige also, dass du die Gefühle des anderen respektierst und erkläre auch, dass es dir hier ähnlich oder auch vollkommen anders geht. Durch solch ein offenes Gespräch kommt man dann auch auf einen grünen Zweig in der Planung.

Weihnachtsplanung

Ich sage immer, die Trauer kann echt eine „Bitch“ sein und einem all seine Pläne durchkreuzen. Hier empfehle ich einen groben Plan zu erstellen, aber keine fixen Zusagen oder Versprechen an andere abzugeben, da du nie weißt, wann dich plötzlich eine Welle einholt. Denn dann kannst du die Versprechen nicht einhalten und das erzeugt leider oft Missverständnisse. Ich sage immer etwas in diese Richtung: „Ich wünsche mir, dass ich am Nachmittag bei dir vorbei schaue und werde es auch einplanen. Aber ich kann es dir nicht versprechen, weil ich noch nicht genau weiß, wie ich mich dann fühlen werde.“ Meine Freunde und Familie kennen mich da mittlerweile schon gut und akzeptieren, dass hier nichts unter Zwang passieren muss.

Ändere was zu viel ist, behalte was gut tut

Wie du lesen konntest haben wir behalten, Weihnachten zu feiern aber verlegten den Ort. Überlege auch dir, was für dich unbedingt sein soll und woraus du auch Freude und Kraft schöpfen kannst und welche Rituale dir nur Schaden zufügen und dich überfordern. Hör auf dein Herz und tue das was ihm gut tut an diesem Tag.

Den Verstorbenen miteinbinden

Ein Besuch am Grab mit der ganzen Familie kann hilfreich sein. Wir haben gemeinsam Larissa besucht und ihr ein Christbäumchen geschenkt. Dort haben wir Sekt getrunken und auf sie angestoßen. Es war schmerzvoll und schön zugleich. Außerdem haben wir eine Kerze mit ihrem Foto drauf auf dem Tisch stehen gehabt, das uns auch das Gefühl gegeben hat, dass sie bei uns ist. Wenn du aber merkst, dass du es einfach nicht schaffst zum Grab zu gehen, dann ist auch vollkommen ok. Alles darf, nichts muss. Deine Trauer und deine Regeln.

Du bist nicht alleine

Falls du an keinen Ecken und Ende Verständnis für deine Trauer erhältst und dich sehr einsam fühlst, dann gibt es noch immer die Möglichkeit sich über ein Forum auszutauschen. Hier bietet das Trauerportal Aspetos zum Beispiel Unterstützung an. Das Forum wird von professionellen Trauerbegleitern geführt. Du darfst auch mir gerne eine Mail schreiben und alles raus lassen. Manchmal tut es einfach schon gut, wenn man sich den Schmerz von der Seele schreiben kann und weiß, dass der Lesende es versteht und nachvollziehen kann. Wenn du merkst, dass du alleine gar nicht klar kommst und deutlich mehr Hilfe brauchst, gibt es auch die Möglichkeit telefonisch Unterstützung zu erhalten. Hier findest du eine Liste an Notfallnummern.

Trauern innerhalb der Familie

Auch wenn die meisten oft das Gefühl haben stark für den anderen sein zu müssen, vergesst nicht, dass ihr Menschen seid und Weinen einfach auch dazu gehört. Gerade dann, wenn Kinder noch dabei sind, ist es auch wichtig ihnen zu zeigen, dass sie traurig sein dürfen und weinen erlaubt ist. Seid ehrlich mit ihnen und erklärt, dass auch ihr ihn/sie vermisst. Wenn wir von klein auf schon sehen, dass es üblich ist seine Gefühle zu verstecken und sich zusammen zu reißen, dann macht das mit uns ganz viel. Im Erwachsenenalter sind wir dann wiederum diese, die Menschlichkeit verstecken und den Umgang mit Tränen verloren haben. Weil wir es nicht kennen. Seid offen und respektiert einander.


In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein ruhiges, angenehmes Weihnachtsfest. Und ganz viel Kraft jedem einzelnen!