Silvester

Silvester kommt. Ein neues Jahr bricht an. Viele Menschen freuen sich darauf und schauen aufgeregt ins kommende Jahr. Viele haben auch tolle Neujahrsvorsätze, die nur darauf warten umgesetzt zu werden. Als Trauernder hingegen gibt es besonders anfangs nur einen Gedanken. Ein weiteres Jahr ohne dich. Und wenn wir Trauernde dann auf diese motivierten Menschen stoßen, dann folgen Neujahrswünsche. Gut gemeint und manche auch wirklich aus vollstem Herzen. Und hilfreich. Doch andere wiederum versetzen dir einen Stich. Wie kannst du aber einem Trauernden liebevoll Neujahrswünsche ausdrücken? Und warum ist Silvester für viele Trauernde dermaßen schmerzvoll?

Mein erstes Silvester ohne dich

Wie bereits auch zu Weihnachten hatte ich kaum Vorbereitungszeit bis dahin. Meine Schwester starb im September. Demnach befand ich mich zum ersten Jahreswechsel zwischen Schockzustand und Realisieren, zwischen Hoffnung und Aufgeben. Das erste Silvester habe ich mit meiner Familie in meinem Heimatort verbracht. Der Abend selbst verlief nicht so schlimm, wie erwartet. Er war erträglich. Die Wende selbst jedoch, als die Feuerwerkskörper in den Himmel geschossen wurden, gaben mir einen Stich.  2014 war angebrochen. Nur eine Zahl und doch so viel an Schmerz darin enthalten. Ein Jahr, das niemals in Verbindung mit meiner Schwester gebracht werden kann. Ein Jahr, aus dem niemals schöne Momente mit ihr herausgehen werden. Ein ganzes Jahr, das ohne sie gelebt werden muss. Ein neues Jahr, das mich noch weiter weg bringt von unseren gemeinsamen Erlebnissen. Und ein Jahr, in welchem die Verhandlung des Mörders stattfinden sollte.

Und auch dieses Jahr, 2017 auf 2018 schmerzt der Gedanke, dass wieder ein Jahr mehr gezählt wird, an dem es keine Erinnerung mit ihr geben wird. Je mehr die Jahre vergehen, desto ferner sind die Tage, an denen sie lebte. Je mehr Jahre vergehen, desto bewusster wird, dass ich sie wirklich niemals wieder auf dieser Erde sehen werde. Keine Ahnung warum, aber an Silvester herrscht diese Art von Gedanken immer vor. Die Jahreszahlen machen ihren Tod so real. Jedes Jahr aufs Neue. Ich freue mich auf das neue Jahr, und dennoch ist dieser Teil in mir, der schmerzt.

Und dann waren da noch diese Neujahrswünsche…

Wenn ich in dieser Zeit auf Freunde und Bekannte gestoßen war, hörte ich stets dieselben Sätze. Sie sollten Hoffnung geben und trösten. Leider haben sie das nicht getan, auch wenn ich dankbar bin, dass manche Leute überhaupt mit mir sprachen. Viele gingen ja auch einfach nur aus dem Weg.

„Wirst sehen, jetzt wird alles besser“

Achja? Für mich hat es keinen Unterschied gemacht, ob der 31.12. 2013 oder  der 01.01. 2014 war. Es fühlte sich sogar schlimmer an, aufgrund der oben genannten Situation. Meine Schwester war an beiden Tagen gleich tot. Die neue Jahreszahl hinten dran hat eben ihren extra Schmerz mit rein gegeben. Deshalb rate ich, diesen Satz nicht zwingend einem Trauernden zu sagen, der gerade sein erstes Silvester vor oder hinter sich hat.

Besser: Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft für das neue Jahr. Und, dass der Schmerz an manchen Tagen nachlässt und du ihn an den anderen annehmen kannst. Ich wünsche dir von ganzem Herzen ein gutes neues Jahr.

„Jetzt kann es nur noch bergauf gehen“ ODER „Jetzt geht es bergauf“

Sätze wie diese sind gut gemeint, aber schlecht formuliert. Sie drücken aus, dass du zu wissen scheinst, dass es nur noch nach oben geht, obwohl du doch meine Gefühlslage nicht kennst, obwohl du doch nicht in die Zukunft schauen kannst.  Es kann bergauf gehen ja. Aber es kann auch bergab gehen. Das ist das Leben. Es kann auch schlimmer werden und muss nicht zwingend nach oben gehen. Du weißt es nicht. Ich weiß es nicht. Darum sag es auch nicht. Nachdem meine Mutter an Krebs erkrankte, hörte ich diesen Satz erstmals. Daraufhin folgte meine Herzkrankheit. Und wieder der Satz. Schließlich dann der Mord. Und mit diesem auch endlich ein besserer Satz:

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass dieses Jahr mehr an positiven Erlebnissen als Schmerzvolles für dich bereit hält. Ich wünsche dir, dass du daraus deine Kraft nehmen kannst.

„Jetzt wird alles anders“

Ein wahrer Satz, der so auch ausgesprochen werden kann. Ich wollte nicht, dass etwas anders wurde. Ich wollte keine Veränderung. Ich wollte mein altes Leben zurück haben. Sehnsuchtsvoll blickte ich auf das letzte Jahr und kämpfte gegen dieses „Anders“ dermaßen an. Doch ich hatte keine Chance. Ich musste lernen das „Anders“ anzunehmen und zu akzeptieren.


Versuche dem Trauernden deine Wünsche an ihn auszudrücken, statt fixierte Sätze zu wählen. Sag aufrichtig, dass du auch weiterhin helfen wirst und sei geduldig. Wünsche dem Trauernden weiterhin genug an Kraft, Raum und Zeit für seinen Schmerz.

Und für alle Trauernden:

Bleib dir und deinen Gefühlen treu. Tue das, was dir an diesem Silvester gut tut und lass dich nicht von Feierlichkeiten unter Druck setzen. Ich für mich, werde mit meinem Freund ein ruhiges Silvester daheim verbringen. Mehr wünsche ich mir gar nicht.

Deine Trauer. Deine Regeln. Dein Schmerz.


Ich wünsche dir einen guten Rutsch ins neue Jahr, trotz Schmerz ein paar lächelnde und schöne Momente, ganz viel Kraft weiterhin und auch im neuen Jahr viel Raum und Zeit für dich und deine Trauer!

 

Fotos: Sebastian Kreipl