Valentinstag. Damit verbinden wir in unserer Gesellschaft die Begriffe Liebe und Beziehungen, in erster Linie sexuelle, partnerschaftliche Beziehungen. Wochen davor wird in den Werbungen darauf Bezug genommen. Dabei musste ich an die Menschen denken, deren Partner/Partnerin verstorben ist. Was sind bei dieser Art von Verlust besondere Herausforderungen? Inwiefern spielt das Thema Sexualität eine Rolle? Da ich selbst meine Schwester verloren habe und nicht authentisch darüber berichten kann, habe ich mir eine mittlerweile ganz liebe Freundin zur Seite geholt, deren Partner ganz plötzlich verstorben ist. Die Rede ist von Silke Szymura. Wie sie selbst sagt ist dies eines ihrer intimsten Interviews jemals. Vielleicht eröffnet es auch dir einen ganz neuen Blick auf deine eigene Trauer oder du findest dich in vielen Abschnitten wieder.

Vor fast 6 Jahren starb dein Partner Julian ganz plötzlich mit jungen 29 Jahren. Wenn du an ihn zurück denkst und die Zeit mit ihm, wie würdest du ihn als Mensch beschreiben und was machte eure Beziehung besonders?

Julian war unglaublich liebevoll und zugleich in seinem jungen Alter ganz schön weise. Er hatte diese tiefe Gelassenheit und Menschen haben sich ihm oft anvertraut, wenn es um die großen Themen des Lebens ging. Für mich war er immer so eine Art Fels in der Brandung. Ich wusste, er ist immer da und bei ihm bin ich zuhause, egal was passiert. Das hat mir die Kraft und Sicherheit gegeben, in die Welt zu reisen und einige ganz schön verrückte Dinge zu tun. Er hat mir gezeigt, wie wertvoll gerade die scheinbar so banalen Augenblicke sind. Ja, das wusste er damals alles bereits und ich habe mich manchmal gefragt, woher wohl. Er wusste sowieso unglaublich viel, sein Gehirn war vollgestopft mit Wissen. Dadurch war er dann manchmal auch ein kleiner Besserwisser, um mal hier nicht nur zu schwärmen. Und selbst dessen war er sich bewusst.

Silke und Julian in Holland

Ich habe es geliebt, mit ihm tief einzutauchen in Themen und Gespräche, wir konnten uns einfach stundenlang gegenseitig zutexten und dabei völlig die Zeit vergessen. Das habe ich als ganz besonders erlebt und sehr geliebt. Und dann war da noch diese Freiheit, die wir uns gegenseitig gelassen haben. Ich hatte damals diese große Sehnsucht, in die Welt zu ziehen, zu reisen, andere Länder zu entdecken. Er hatte das nicht, oder zumindest nicht so sehr, dass er seinen Job dafür gekündigt hätte. Wenn ich daran denke, fühle ich so eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass er mich hat ziehen lassen. Und umgekehrt habe ich auch nicht versucht, ihn mit zu zerren. Jeder von uns konnte ganz er selbst sein während wir zugleich so tief verbunden waren.  Ich habe es geliebt, wenn er mir von Dingen vorgeschwärmt hat, die ihn begeisterten. Selbst wenn ich überhaupt nichts damit anfangen konnte, dann war es einfach so wundervoll, seine strahlenden Augen zu sehen und an seiner Begeisterung teilzuhaben. Ja, dass wir einander haben sein lassen wie wir sind, dieser tiefe Respekt füreinander, das hat unsere Beziehung wirklich ausgemacht für mich.

Julian starb 2013 ganz plötzlich in einem gemeinsamen Urlaub in Nepal. Was ist passiert und wie erinnerst du dich an diese Zeit? Was waren deine Reaktionen, dein Vorgehen nach seinem Tod, wann bist du nach Deutschland zurück gekommen?

Ich erinnere mich mit so viel Dankbarkeit an diese Zeit, obwohl das damals zugleich der schlimmste Moment meines bisherigen Lebens war. Eine Woche lang war alles so unglaublich schön. Wir beide zusammen in Nepal, ein Land, das ich zuvor bereits auf meinen Reisen lieben gelernt hatte. Und dann Julian mit mir dort, alles passte zusammen und ich war einfach nur glücklich. Und im nächsten Moment war er dann einfach tot. Das war natürlich absolut unbegreiflich für mich. Wir waren an dem Tag zu zweit unterwegs, wollten zu einer Pagode auf einem Hügel in Pokhara laufen. Im einen Moment war er total lebendig, freudig auf diesen Tag, und dann ist er ganz plötzlich mitten aus dem Laufen heraus nach hinten umgekippt und war weg. Es kamen noch Helfer vorbei und er wurde auch direkt zu einem Arzt gebracht. Die haben ihn ganz lange reanimiert und alles versucht, aber es war bereits zu spät. Es war der Moment, in dem er sterben sollte. Woran er auf körperlicher Ebene gestorben ist, weiß ich nicht. Man hat es damals bei der Obduktion nicht herausgefunden.

Nach seinem Tod war ich insgesamt noch vier Tage in Nepal bevor ich zurück nach Deutschland geflogen bin. Ich erinnere mich an Schock, Verzweiflung, Hilflosigkeit und dann auch an so viel menschliche Wärme von der nepalesischen Familie, bei der wir zu Besuch waren, an magische Momente, an Liebe und Dankbarkeit in diesen Tagen. Direkt nach seinem Tod wollte ich eigentlich nur auch sterben. Mein Leben war ja gerade einfach so zerbrochen und ich wollte mich nur hinlegen und warten bis es vorbei ist. Aber dann waren diese liebevollen Menschen an meiner Seite und ich war auf einmal auch diejenige, die dafür sorgen sollte, dass seine Asche nach Deutschland kommt. Das war der Wunsch seiner Eltern. Ich habe ihn dann einen Tag nach seinem Tod noch einmal gesehen, bin unerwarteterweise seiner Seele an seinem Körper begegnet, konnte kurz nach dem wohl schlimmsten den bis dahin bewegendsten Moment meines Lebens erleben. Ich glaube, damals habe ich begriffen, wie nah all das beisammen liegt. Schmerz und Freude, Leid und Liebe. In einer buddhistischen Zeremonie an einem ruhigen und würdevollen Ort wurde sein Körper dann schließlich verbrannt. Ich habe die Aufgabe übernommen, das Feuer zu entzünden und das Gefühl gehabt, seiner Seele dabei zu helfen, diesen Körper und die Welt hier zu verlassen. Es waren so viele bewegende Momente, die nur schwer in Worte zu fassen sind.

Eine Freundin ist dann damals von Deutschland aus nach Nepal geflogen, um mich abzuholen. Ich weiß gar nicht, ob und wie ich es sonst wieder zurück nach Hause geschafft hätte. Es waren wirklich intensive, heftige, tief gehende Tage, die mich für immer verändert haben. Meine ganze Sicht auf das Leben hat sich damals geändert. Und die Momente, die ich dort erleben durfte, trage ich seitdem tief in meinem Herzen.

Silke 2015 in Nepal.

Als du wieder nach Hause gekommen bist, wie haben deine ersten Monate ausgeschaut? Hast du dir von Anfang an Hilfe geholt oder dich zurück gezogen und alles alleine bestritten?

Es war alles ganz surreal in der ersten Zeit. Plötzlich war ich wieder in Deutschland und alles schien wie immer, während nichts mehr so war wie vorher. Am Anfang wollte ich das alles nicht wirklich wahrhaben und habe versucht, mein altes Leben so gut es ging aufrecht zu halten. Einige Wochen war ich krank geschrieben. Als ich wieder zur Arbeit ging war das total schwer, auch weil ich in der Reisebranche gearbeitet habe und dauernd von Menschen umgeben war, die von ihren tollen Urlauben erzählten. Aber ich wollte es unbedingt hinbekommen. Mir haben damals viele Menschen gesagt wie stark ich sei und wie gut ich damit zurechtkomme. Nach fünf Monaten kam dann eine Art Zusammenbruch und ab da ging immer weniger. Ich musste mich immer häufiger krankschreiben lassen und habe mich damals immer weiter aus meinem Freundeskreis zurückgezogen. Ich konnte es einfach nicht ertragen wie die Welt sich weiterdrehte als wäre nichts gewesen.

Ich habe mich lange Zeit so weit wie möglich aus der Welt zurück gezogen, war unfähig am „normalen“ Leben teilzunehmen. Dabei habe ich mich immer wieder ganz schrecklich verlassen gefühlt und keine Perspektive gesehen. Lange Zeit habe ich mehr existiert als gelebt, auch körperlich ging es mir sehr schlecht.

Ich habe mir ganz früh bereits Hilfe geholt. Ich wusste, dass ich das nicht alleine schaffen würde. Mein Hausarzt hatte mir damals direkt empfohlen, mir eine Therapeutin zu suchen und das habe ich dann auch gemacht. Ich hatte großes Glück, weil ich schon zwei Tage nach seiner Trauerfeier in Deutschland, drei Wochen nach seinem Tod, das erste Mal bei ihr saß und mich direkt gut aufgehoben fühlte. Sie hat mir zu der Zeit den Raum gegeben, den ich brauchte, um mich in kleinen Schritten mit dem Geschehenen auseinander zu setzen. Insgesamt war ich ungefähr drei Jahre bei ihr. Nach ein paar Monaten bin ich dann auch in eine Trauergruppe für jung Verwitwete gegangen, hatte noch zusätzlich eine Trauerbegleiterin, mit der ich einmal die Woche telefoniert habe, und bin ein knappes Jahr nach Julians Tod schließlich in eine psychosomatische Klinik gegangen. Dort war ich einige Zeit später noch einmal. Ich habe mir also jede Hilfe geholt, die ich kriegen konnte, und bin dabei ganz meinem Herzen gefolgt. Etwas in mir wusste immer, was ich brauchte, und ich bin mir selbst sehr dankbar dafür, dass ich dem auch entgegen vieler rationaler Gründe immer wieder gefolgt bin. Das tue ich auch heute noch.

Ich wollte schon oft über das Thema Sexualität sprechen oder schreiben, bisher habe ich mich aber noch nicht heran gewagt. Dabei denke ich, dass es einen grundlegenden Unterschied gibt, wer im Sinne von Beziehungsstruktur gestorben ist und dennoch immer einen Einfluss hat auf die eigene Sexualität. Bei mir war es meine Schwester. Meine Sexualität hatte klarerweise nichts mit ihr zu tun. Dennoch habe ich bei sexueller Handlung gespürt (mit mir alleine oder einem Partner), dass sich mein körperliches Empfinden stark verändert hatte und ich intensiver spürte. Hingegen aber beim Sex mit einem Partner enorme Panikattacken entstanden sind, dass jener mir etwas antun möchte und wird. Inwiefern kannst du von dir sagen, dass sich deine Sexualität verändert hat, dein Verlangen oder andere Dinge in diesem Zusammenhang?

Du liebe Katy, mit dieser Frage triffst du mitten hinein in etwas, das schon länger in mir brennt und über das ich mich bisher nicht getraut habe, öffentlich zu sprechen. Zugleich vermute ich, dass es vielen Frauen so oder so ähnlich geht, und danke dir sehr für deine offene Frage, die mir nun den letzten nötigen Schubs gibt, um darüber zu sprechen.

Ich hatte bis zu Julians Tod und darüber hinaus ein echtes Problem mit meiner Sexualität. Ich habe mich so geschämt dafür und war unfähig, darüber zu sprechen. Ich hatte meistens ziemliche Schmerzen dabei und habe mich selbst sehr dafür verurteilt. Ich dachte, als gute Freundin und Partnerin müsste ich doch auch guten Sex haben können. Ich dachte auch, dass genau das eine gute Beziehung ausmachen würde. Aber es ging nicht, ich konnte einfach nicht. Es war nicht immer gleich schlimm, aber richtig schön war es eben auch nie. Lange Zeit hatten wir daher keinen Sex. Als er dann gestorben ist, war es so furchtbar für mich, dass dieses Thema zwischen uns offen geblieben ist. Ich habe mich so unglaublich schlecht gefühlt ihm gegenüber und konnte gleichzeitig mit niemandem darüber reden. Ich wollte nicht, dass irgendwer es wusste. Ich dachte ja auch, dass ich die einzige Frau auf der ganzen Welt bin, die das nicht „hinbekommt“. Und ich dachte, dass jeder, der davon erfahren würde, unsere Beziehung abwerten würde. Ich wusste tief in meinem Herzen, wie tief unsere Liebe war und wie wertvoll auch, dass er mich selbst damit hat sein lassen, mir meine Zeit gegeben hat. Ohne Druck. So dankbar bin ich heute, dass wir nie darüber gestritten haben, dass er so achtsam und respektvoll mit mir umgegangen ist. Wenn ich das hier so erzähle, berührt mich dieser Gedanke gerade sehr.

Nun hast du eigentlich gefragt, wie sich meine Sexualität durch seinen Tod verändert hat. Ehrlich gesagt habe ich es erst einmal komplett ausgeklammert aus meinem Leben. Ich habe einfach so getan, als hätte das nichts mit mir zu tun, wäre das eben nicht dran in diesem Leben. Ich wollte und konnte da nicht hinsehen, hätte gar nicht die Kraft dazu gehabt, inmitten meiner Trauer mich auch noch damit zu beschäftigen. Hinzu kam, dass ich in der Zeit generell wenig von meinem Körper gespürt habe. Wenn überhaupt, dann nur die Schmerzen, die ich hatte. Zwischen Julian und mir war es geklärt und irgendwie im Frieden nachdem er mich noch einmal im Traum besucht hatte. Es war nichts mehr offen und doch wollte ich einfach nichts damit zu tun haben. Ich bin auch – sicher nicht nur deshalb – Männern lange Zeit komplett aus dem Weg gegangen. Das ist noch mal eine Geschichte für sich und ich brauchte wohl diese Zeit fast ganz unter Frauen.

Irgendwann, als die Trauer dann schon sehr im Hintergrund war, habe ich angefangen, mich mit meiner Weiblichkeit zu beschäftigen und über Familienaufstellungen und Ahnenarbeit auch ganz langsam begriffen, dass dieses Thema viel größer ist als ich selbst. Dass es da um ganz alte Verletzungen und auch Traumata geht, die ich zum Teil auf eine Art geerbt oder mitgebracht habe. Und vor allem, dass es nicht meine Schuld war, nicht zu können. Schritt für Schritt habe ich begonnen, meinen weiblichen Körper neu zu betrachten und auch auf das Thema Sexualität zu schauen.

Das war jetzt weit ausgeholt und wohl das Intimste, was ich bisher so öffentlich erzählt habe. Jedenfalls für mich gerade auch eine große Überwindung. Und doch erzähle ich es auch, weil ich nicht mehr länger schweigen mag. Weil ich es einfach so traurig finde, wenn wir Frauen uns schuldig und schlecht fühlen, wenn wir denken wir wären nicht genug. So jedenfalls habe ich mich lange Zeit gefühlt. Bis ich angefangen habe darüber zu reden und erfuhr, dass ich nicht die einzige bin, die dieses Thema mit sich trägt. Deshalb mag ich auch jede Frau, die das hier liest, und auf welche Art auch immer sich für ihre Sexualität oder irgendetwas damit im Zusammenhang schämt oder schlecht fühlt, ermutigen, mit anderen darüber zu sprechen. Denn nur so kann da auch heilen, was einst verletzt wurde. Ich bin da selbst noch auf dem Weg und habe keine Ahnung, wo der mich noch hinführen wird. Und wenn ich das hier so schreibe, spüre ich eine tiefe Erleichterung, dass ich das alles nun nicht mehr krampfhaft in mir zusammenhalten und verschweigen muss. Ich spüre mehr und mehr, wie wichtig es (für mich) ist, die Dinge auszusprechen. Ich habe es so lange zutiefst bereut, dass ich das mit Julian damals nicht konnte. Lange Zeit habe ich mich ihm gegenüber schuldig gefühlt. Bis ich begriffen habe, was ich durch meine Unfähigkeit zu sprechen eigentlich vor allem mir selbst angetan habe.

Worin liegt deines Erachtens der große Unterschied zum Partnerverlust und anderen Verlusten? Nicht auf emotionaler Ebene verglichen, das lässt sich ohnehin nicht vergleichen, sondern innerhalb unserer Gesellschaft? Wo siehst du hier Herausforderungen für trauernde Witwen und Witwer, wo aber auch Probleme mit Freunden und Bekannten? Siehst du vielleicht sogar eine noch größere Herausforderung für junge Verwitwete?

Ich glaube, jeder Verlust stellt uns vor ganz eigene Herausforderungen. Was ich ganz schrecklich fand, war die Tatsache, dass mir damals so viele Menschen gesagt haben, dass ich ja noch so jung bin und bald sicher wieder wen finden werde. Das hat mich so verletzt am Anfang, weil es doch darum gar nicht ging. Julian war tot und konnte nicht einfach so ersetzt werden. Ich glaube, das ist etwas, womit gerade junge Verwitwete konfrontiert werden. Da sind so viele Erwartungen um sie herum, was sie alles tun müssten, um wieder „normal“ zu leben. Dabei geht das doch erst einmal gar nicht.

Wenn der Partner oder die Partnerin stirbt, dann stirbt damit auch das komplette gemeinsame Leben, das man noch zusammen vorhatte. Das ist natürlich immer auf eine Art so, aber der Partner ist ja derjenige, mit dem man meist das Leben teilt. Auch Aufgaben werden oft untereinander verteilt. Auf einmal stellt man fest, dass man gar nicht weiß wie das geht, was der andere all die Jahre ganz selbstverständlich übernommen hat. Wir waren ja gerade einmal vier Jahre zusammen und ich habe mich immer für sehr unabhängig und frei gehalten und doch ging es auch mir so, dass ich vieles neu lernen musste, was ich in dieser Zeit an Julian abgegeben hatte. Nach dreißig Jahren Ehe ist das sicher noch viel ausgeprägter, auch wenn zum Beispiel gemeinsame Kinder da sind und einer dann plötzlich ganz alleine für alles verantwortlich ist. Es fehlt dann derjenige, mit dem man die Entscheidungen gemeinsam trifft. Das alles ist für viele in der Situation eine wirklich große Herausforderung. Hinzu kommt dann oft noch das Finanzielle, mit der Witwenrente reicht es gerade für Mütter oft vorne und hinten nicht.

Wenn der Freundeskreis vor allem aus anderen Paaren besteht, kann es zu weiteren Schwierigkeiten kommen. Auf einmal ist man alleine und alle anderen sind noch zu zweit. Ich höre von manchen jung verwitweten Frauen, dass sie sogar gemieden werden, weil andere Frauen auf einmal Angst um ihre Männer haben. Schließlich ist man ja nun wieder zu haben und womöglich so verzweifelt, dass man ihnen den Mann ausspannen könnte.

Ganz generell finde ich es manchmal anstrengend, in dieser Gesellschaft alleine zu leben. Ich kann im Grunde sehr gut alleine sein und genieße das momentan sogar sehr. Und doch habe ich das Gefühl, vieles hier baut sehr darauf auf, dass man in einer Partnerschaft ist. Das lässt sich gar nicht so sehr an konkreten Beispielen sagen, ist mehr ein grundlegendes Gefühl. Ich wünsche mir echte Nähe mit Menschen auch über eine Partnerschaft hinaus, habe aber manchmal das Gefühl, dass das aus irgendeinem Grund gar nicht geht bzw. gewisse Grenzen hat. Ich träume immer wieder von einer Gemeinschaft, in der jeder so sein darf wie er ist. Momentan wohne ich alleine und das ist auch gut so, aber langfristig möchte ich mein Leben eigentlich lieber mit anderen Menschen teilen. Ich wünsche mir, dass es da mehr kreative und neue Wohnformen geben wird in Zukunft. Vielleicht muss ich einfach nur noch die passende für mich finden.

Du selbst warst in der IT Branche tätig und hast dich nach Julians Tod mehr und mehr mit Trauer und Tod beschäftigt. Daraus entstanden ist dein Blog In lauter Trauer. Heute arbeitest du als Trauerbegleiterin und neuerdings als Bestatterin im Raum Frankfurt. Warum hast du dich für diesen Weg entschieden und was gibt dir diese Entscheidung heute?

Ich habe nach Julians Tod irgendwann einfach gespürt, dass ich nicht so weitermachen kann wie zuvor. Mein damaliger Job, all die Probleme und der Zeitdruck im Büro erschienen mir so unglaublich banal und verrückt im Vergleich zu dem, was ich gerade erlebte. Ich glaube, ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten, in dieser Bürowelt zu sein. Also musste ich mir eine andere Welt suchen, mein Leben wieder mit etwas füllen, das mir Sinn gab. Es war keine Verstands-Entscheidung, ich bin einfach immer mehr dem gefolgt, wo es mich hingezogen hat. Dabei habe ich gemerkt, dass es mir relativ leicht fällt, Menschen in dieser Situation zur Seite zu stehen. Und ich habe entdeckt, wie sehr ich es liebe zu schreiben. Ich bin einfach unglaublich dankbar, dass ich mittlerweile diese Tiefe und Wahrhaftigkeit voll leben kann, dass mein Leben so voller reicher und berührender Begegnungen ist. Ich würde heute nicht mehr gegen mein altes Leben tauschen wollen.

Außerdem hast du schon zwei wundervolle Bücher heraus gebracht. Zwischen den Welten handelt von deiner persönlichen Geschichte und Ein Teil von mir ist eine Art Hilfestellung für Trauernde nach dem ersten Trauerjahr, verbirgt aber auch viel Wertvolles für das erste Trauerjahr. Nehmen wir das erste Buch. Warum hast du deine Geschichte nieder geschrieben und veröffentlicht? Wie war der Moment, als du dein Buch in den Händen halten konntest?

Ich wusste schon damals auf meinem Rückflug von Nepal aus, dass ich dieses Buch schreiben würde. Es war ziemlich verrückt. Da war gerade vor wenigen Tagen Julian gestorben und ich saß in diesem Flieger und habe meiner Freundin erzählt, dass ich darüber ein Buch schreiben werde. Das war einfach da, frag mich nicht woher das kam. Ich wusste, dass da eine Botschaft drinsteckt, dass diese Geschichte erzählt werden möchte. Für wen auch immer, der dann womöglich etwas für sich und sein eigenes Leben darin finden würde.

Silke mit ihrem ersten Buch!

Vier Jahre hat es gedauert, bis ich es dann wirklich schreiben konnte. Es war die ganze Zeit da und doch noch nicht dran. Bis es dann auf einmal raus wollte. Ich habe das damals wie einen Geburtsprozess empfunden. Und auch wenn ich meine eigene Geschichte geschrieben habe, war es im Schreibprozess immer wieder auch so als würde etwas durch mich schreiben. Ich hab das nicht gemacht, es ist irgendwie geschehen, so verrückt das auch klingen mag.

Das Buch in den Händen zu halten war unfassbar überwältigend. Ich kann das gar nicht in Worte fassen. Auf einmal war es ganz real da. Mein eigenes Buch. Das war einfach nur total groß, voller überschäumender Freude. In dem Moment hat sich ein ganz früher Kindheitstraum von mir erfüllt.

Am 27. Februar hätte Julian Geburtstag. Zu Ehren von ihm hast du etwas ganz Wundervolles geschaffen. Einen Tag, an dem alle über Trauer schreiben, reden, diskutieren und einfach ihren Senf dazu geben, sodass die Trauer einen Tag ganz laut sein kann. Über diese Aktion im Jahr 2017 haben wir uns kennen gelernt. Dieses Jahr wird sie wieder stattfinden, dann an seinem Todestag am 25. März. Auch ich werde natürlich wieder meinen Beitrag leisten. (HIER kommst du direkt zur Aktion und kannst auch mitmachen) An Larissas Geburtstag werde ich wieder laufen, 27 Kilometer diesmal. Es macht ihren Tag ebenso zu etwas Besonderem. Was würdest du einem trauernden Menschen mitgeben, der kurz vor dem ersten Geburts- oder Todestag des verstorbenen Menschen steht?

Ich würde ihn dazu ermutigen, den Tag zu etwas Besonderem zu machen. Gerade der Geburtstag bleibt ja ein besonderer Tag, schließlich bleibt es schön, dass derjenige geboren wurde, auch wenn es zugleich so traurig ist, dass er nun nicht mehr lebt. Mir hat es am Anfang geholfen, zu wissen, dass an diesen Tagen jemand da ist. Mir etwas vorzunehmen dafür und gleichzeitig aber auch zu wissen, dass ich es an dem Tag absagen und komplett umschmeißen kann, wenn ich mich doch anders fühle. Das ist ja nicht planbar, weil Gefühle nicht planbar sind, und zugleich kann es ganz beruhigend sein zu wissen, dass es einen Plan oder vielleicht verschiedene Möglichkeiten gibt. Ich persönlich fand dann die Tage vorher meist schlimmer als den Tag selbst. An Tagen wie seinem Geburtstag habe ich mich ihm immer so nah gefühlt und es tat mir auch gut, dass an diesen Tagen auch andere das Bedürfnis hatten, über ihn zu reden. Egal wie, es gibt hier kein „richtig“ oder „falsch“. Ich möchte jeden, der das hier liest, ermutigen, wirklich auf das eigene Gefühl zu hören und dem zu folgen. Egal was andere darüber denken mögen. Das gilt natürlich auch an allen anderen Tagen.

Zum Abschluss möchte ich dich noch fragen, wohin deine Reise weiter führen soll, was deine Pläne demnächst sind und wie es weiter gehen wird?

Ich habe soweit es geht aufgehört mit dem Planen. Weil das Leben doch immer irgendwie anders kommt. Jetzt gerade möchte ich einfach vor allem sein wo ich gerade bin. Als Bestatterin in der Wetterau für die Menschen da sein, die zu mir kommen, in Veranstaltungen Menschen dazu einladen, ganz offen und frei über den Tod zu sprechen und ihn ins Leben einzuladen. Ich möchte weiter meinen Teil dazu beitragen, dass der Tod wieder als natürlicher Bestandteil des Lebens seinen Platz in unserer Gesellschaft einnehmen kann. Und Menschen in der Trauer dabei unterstützen, ihren ganz eigenen Weg damit zu finden und zu gehen.

Nach vier Jahren, die ich zwischenzeitlich wieder bei meinen Eltern gewohnt habe, weil es finanziell gar nicht anders machbar gewesen wäre, möchte ich einfach mein eigenes Zuhause genießen. Und noch während ich das so schreibe, spüre ich auch die andere Seite in mir, die es wieder hinaus in die Welt rufen wird. Ich träume schon länger von einer Reise in verschiedene Länder und Kulturen, um dort zu erleben, wie mit Tod und Trauer umgegangen wird.

Und dann freue ich mich natürlich auf alle kommenden Lesungen und Seminare und das, was sich da noch auftun mag. Ich versuche, immer mehr dem zu folgen, wo mich mein Herz jetzt gerade hinführt.  Und immer mehr in diesem Jetzt anzukommen und zu sein. Was dann noch kommt auf diesem Weg, wird sich schon zeigen. Irgendwann bestimmt auch ein drittes Buch, von dem ich das Thema bisher nur erahnen kann.

Silkes Seite, auf der du viele tolle Blogartikel findest und auch ihre Bücher bestellen kannst.

www.in-lauter-trauer.de