Vor wenigen Tagen besuchte ich wieder einmal ein Schreibtreffen. Autoren und schreibwütige Menschen kommen zusammen und schreiben nebeneinander an ihren Projekten. Mein Plan war, diesen Beitrag zur Messe zu verfassen und meine Struktur bezüglich meines zweiten Buches durch zu denken. Als ich mein Vorhaben mit den anwesenden Autoren teilte, fiel plötzlich eine Frage zur Messe: „War die Stimmung auf dieser Messe dann nicht sehr depressiv und schwer? Das muss doch anstrengend sein, auf all die traurigen, depressiven Menschen zu stoßen, oder nicht?“ So, so. Trauer bedeutet also depressiv zu sein. Ich war nicht überrascht oder erstaunt, denn schon oft hatte ich ähnliche Reaktionen erlebt. Wie viel oder wie wenig an Traurigkeit oder depressiver Stimmung dann vor Ort war, erfährst du nun in diesem Beitrag.

Bedeutet Trauer depressiv zu sein?

Immer wieder erlebe ich Aussagen wie diese, wenn ich von meiner Arbeit erzähle und das Gegenüber selbst noch nicht mit Trauer konfrontiert wurde. Wenn dann, nur auf einer Beerdigung. Dort wird viel geweint. Und genau dieses Bild setzt sich fest in deren Köpfe. Trauer bedeutet nur Tränen, bedeutet nur depressive Stimmung. Ja wird sogar gleichgesetzt mit der Krankheit Depression. So weit entfernt sind wir von einem normalen, gesunden Verständnis, was Tränen und Traurigkeit anbelangt. Ich besuchte schon öfter das Schreibtreffen und die fragende Person kannte mich und meine Art bereits. So antwortete ich: „Ich bin Trauernde. Wirke ich deshalb auf dich depressiv? Und wenn ich mal weinen muss, werde ich auch wieder lachen. Vielleicht in einer Minute. Vielleicht auch erst in 5. Beides gehört zum Leben. Beides darf auch mal sein und macht nicht gleich eine grundlegend depressive Stimmung.“ Das Erstaunen im Gesicht der Person war nicht zu übersehen.

Am Anfang ist da diese Schwere und Traurigkeit, und ja sie ist ziemlich oft und lange da. Irgendwann aber werden die Abstände auch weniger und kürzer und das Lachen findet seinen Platz dazwischen. Auf dieser Messe waren ganz viel trauernde Menschen, Menschen, die aus ihrer eigenen Trauer heraus etwas Wundervolles kreierten und auch Fachkräfte, die in diesem Bereich arbeiteten. Und mit all diesen Menschen war da ganz viel an Dankbarkeit, Freude, Liebe, Herzlichkeit, Empathie, Verständnis, Akzeptanz und Offenheit. Dieser Topf an Menschlichkeit hat sich in Form von Lächeln, Lachen, Tränen und bereichernden, intensiven Gesprächen und Austausch wiedergespiegelt. Aber in keinem Moment war dort eine depressive, drückende Stimmung zu finden, und wenn doch einmal, dann wäre auch das vollkommen ok gewesen.

Eine Welt, in der Tod und Trauer keine Tabus sind…

Vom ersten Moment an habe ich mich auf dieser Messe wohl, gut aufgehoben und frei gefühlt. Ich musste nicht lange überlegen, wie ich Menschen vor meiner Geschichte schützen soll, sondern durfte offen darüber berichten und mich austauschen. Und jedes Gegenüber begegnete mir mit Empathie, und dem Gefühl, dass der Tod einfach zum Leben gehört und darüber gesprochen werden darf. An jeder Ecke stand ein Sarg oder eine Urne, überall finden sich die Worte Trauer und Hilfe und doch fühlte ich mich glücklich und lebendig. Vielleicht sogar gerade deshalb, weil im Angesicht der Endlichkeit das eigene Leben plötzlich so lebendig erscheint und die Dankbarkeit sich in einem ausbreitet.

Am ersten Abend gingen einige von den Trauerbegleitern und Menschen aus dem Bereich der Trauerarbeit zusammen essen. Fast alle an diesem Tisch mussten bereits die Trauer am eigenen Leib erfahren. Alle an diesem Tisch arbeiteten täglich damit. Nein, auch das war kein trauriges Essen. Ziemlich sicher waren wir der lauteste Tisch im ganzen Lokal. Genau aus demselben Grund. Weil uns mehr als bewusst ist, dass das Leben endlich ist.

Und immer wieder dachte ich, wie schön doch unser eigenes Leben sein kann, wenn wir alle mit diesem Bewusstsein leben würden. Wir würden vielmehr in den Momenten leben, dankbarer mit all den Dingen umgehen und Menschen auf einer ganz anderen Ebene begegnen. Vor dem Tod meiner Schwester hatte ich mir das nie vorstellen können und doch hätte ich mir gewünscht, dass mich jemand an der Hand genommen hätte und mir diese Endlichkeit bewusst machte. Denn vielleicht hätte ich dann noch viel mehr wertvolle Erinnerungen an meine Schwester sammeln können, die mir heute so viel an Kraft schenken. Auch wenn der Tod oft Angst macht und ein ungutes Gefühl mit sich bringt, wird dich hinter dieser Angst ganz viel an Leben erwarten. Denn der Tod ist das Leben, und das Leben ist der Tod.

Wie werden die Menschen reagieren?

Ich hatte für die Zeit der Messe die Möglichkeit an einem Stand auf dem Platz der Begegnung meine Arbeit zu präsentieren. Zusätzlich durfte ich einen kurzen Vortrag halten. Ich war nervös und doch positiv aufgeregt. Ich wusste nicht auf welche Menschen und Reaktionen ich dort treffen würde, weil es meine erste Messe dieser Art war. Mein Vortrag fand gleich nach Beginn der Messe statt. Und mit jedem meiner Worte erkannte ich, dass sich die Menschen darin wieder fanden. Ich erzählte von körperlichen Reaktionen, von oberflächlichen Fitnessstudios, in denen Tränen nicht erlaubt sind, vom Funktionieren in der Gesellschaft und von emotionalem Essen. Und mit jedem dieser Bereiche sah ich die Menschen vor mir, ihre Köpfe wild auf und ab nicken. Sie wussten wovon ich sprach, sie erlebten es täglich selbst.

Hier habe ich dir das Video zu meinem Vortrag bereitgestellt. Vielleicht findest auch du dich darin wieder.

 

Nach dem Vortrag kamen Menschen an meinen Stand und erzählten mir von ihren Schicksalen und auch von ihren Erfahrungen mit Sport und Bewegung. Dabei spalteten sich die Erlebnisse in zwei Teile: Einer, bei dem die Menschen selbst sehr sportlich wurden und ihnen die Bewegung geholfen hat und der andere beinhaltete die Menschen, die sich danach wie gelähmt fühlten, nicht mehr zurück in die Bewegung finden konnten und zusätzlich noch mit emotionalem essen zu kämpfen hatten. Der Austausch und all die Erfahrungen waren sehr wertvoll für mich und meine Arbeit und ich möchte mich hier bei jedem einzelnen für diese wundervolle Offenheit bedanken!

Da ich den Menschen vor Ort zeigen wollte, wie sich der Seelensport am eigenen Leib anfühlt, hatte ich für Samstag Abend einen Fitnessraum organisiert. Der Raum war komplett ausgefüllt und es waren alle Altersgruppen vertreten. Wie immer haben wir langsam begonnen und sind dann ab der Hälfte zur Freude und Wut übergegangen. Ich war überwältigt davon, welch außergewöhnliche Dynamik sich plötzlich ausbreitete und wie viel an Lachen und Motivation nach außen getreten war. Wie laut und mitreißend diese Gruppe ihre Wut raus gelassen hat und wie sich Tränen unerwartet lösten und einfach raus geweint wurden, hat sogar mich komplett überwältigt. Zum Entspannungsteil am Ende habe ich eine Geschichte vorgelesen. Die Reaktionen danach haben mich zutiefst berührt, sodass ich auch meinen Tränen freien Lauf gelassen habe. Jeder Blick zeigte Erleichterung und Dankbarkeit, Freude und auch Verwunderung über sich selbst. Für mich war das der allerschönste Moment der Messe. Und ich war unglaublich dankbar wieder, die Möglichkeit zu haben, diese wundervolle Arbeit machen zu dürfen. Wenn auch du einmal diese Energie spüren möchtest, dann findest du HIER alle Details zum Kurs in Innsbruck. Solltest du allerdings nicht in Innsbruck leben, biete ich auch online Trainings und eine Erholungswoche an.

Messeaussteller, Vortragende und Besucher

Weil ich auch DIR zeigen möchte, welche Möglichkeiten an Hilfestellungen du als Trauernde hast und welch spannende Menschen auf dieser Messe rum schwirrten, habe ich für dich ein paar interessante Interviews geführt … Viel Spaß mit dem Video! Auf meinem Youtube Kanal findest du noch mehr Videos von mir zum Thema Trauer und Bewegung.

Folgend waren das:

Hendrik Lind von mapapu

Sandra Pfisterer von Pfistar

Richard Hattink von Lego Tod & Trauer

Mechthild Schroeter-Rupieper von Lavia – Institut für Familientrauerbegleitung

Sarah Benz und Jan Möllers von Sarggeschichten

Sabine Elvert von Trauerkinder

Alexandra Kosowski von Leid und Freud

Anja Pawlowski von Ein Stück untröstlich

Flor Schmidt von Carpe Florem/Jugendlichter
Buch: Weiter als das Ende

Thomas Achenbach über Männertrauer

Silke Szymura von In lauter Trauer
Bücher: Zwischen den Welten/ Ein Teil von mir

Maximilian Scherer von Mevisto

Birgit Rutz von Hope`s Angel

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Ein Besuch auf dieser Messe ist für jeden wertvoll, egal ob Trauernde oder Menschen, die noch nicht mit dem Tod in Berührung gekommen sind. Am Ende geht jeder lebendiger, als jemals zuvor nach Hause. Und das ist doch das schönste Geschenk.