Wenn wir einen geliebten Menschen an den Tod verlieren, dann denken viele wir müssten „nur“ diesen einen Verlust überwinden. Und doch sind da noch so viele andere Verluste, die folgen. Beim Vorbereiten eines Vortrages sind plötzlich ganz viele Gedanken gekommen, die verlangt haben, nieder geschrieben zu werden… Sie stammen aus meinem ersten Trauerjahr und spiegeln all die Gedanken und Fragen wieder, die mich tagtäglich beschäftigt haben. Ich bin mir sicher, dass du dich in dem ein oder anderen Gedanken wiederfindest, vielleicht gerade jetzt, oder aus deiner Vergangenheit.

Du hast dich selbst verloren

Wer bin ich ohne dich? Wie betrachte ich dieses Leben ohne dich? Was ist mit meinen Gewohnheiten passiert und kann ich sie trotzdem noch mögen, auch wenn du nicht da bist? Oder werde ich neue finden? Darf ich dann neue finden? Ein Teil von mir ist gestorben und bleibt tot, der andere Teil muss weiter leben und ist mir doch so fremd geworden? Wer bin ich denn nun also ohne dich? Muss ich mich nun neu kennen lernen?

 

Du hast deinen alten Platz in der Gesellschaft verloren

Ich fühle mich hier nicht mehr wohl und fehl am Platz. Ich fühle mich beobachtet und unsicher. Sie verstehen mich nicht, sie können nicht mit mir umgehen. Wo ist nun mein Platz in dieser Gesellschaft? Den alten kann ich nicht mehr einnehmen, kann nicht zurück kehren, denn ich bin doch nicht mehr die Person von früher… Wo ist mein neuer Platz? Wie lange wird es dauern, bis ich ihn finde? Welche Menschen werden mir nun begegnen und wie werden sie mit mir umgehen? Ich habe Angst.

 

Du hast deine Beziehung zu deinem Körper verloren

Alles tut weh. Ich spüre nichts. Ich bin leer. Habe ich denn noch Arme? Ahja, das sind meine Finger? Gehören sie noch zu mir? Sie bewegen sich noch. Mein Herz rast. Mein Kopf tut weh. Mir ist schlecht. Ich habe Hunger. Ich habe keinen Hunger. Habe ich zugenommen oder warum fühlt sich alles so schwer an? Meine Haare sind ausgefallen, und wo bleibt eigentlich meine Periode? Was ist das wieder für ein Schmerz, sterbe ich selbst gleich daran? Gluck, gluck, gluck – trink es weg, schadet nicht. Lebe ich noch? Oh ja ich atme, das geht noch. Ich krieg kaum Luft – Doch nichts mit Atmen. Ich bin so müde, so unendlich müde und erschöpft und möchte nie wieder aufstehen. Vor dem Spiegel: Bist du das mein Körper? Bist du MEIN Körper? Ehrlich? Ich kenne und spüre dich nicht mehr.


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Du hast dein Urvertrauen verloren

Plötzlich war der Mensch tot. Es gibt keine Kontrolle.

Ich steig in kein Auto mehr ein. Ich fahre selbst. Nein, da sind noch andere Fahrzeuge, andere Fahrer. Ich fahre gar nicht mehr. Alle Arzttermine absagen. Wenn die nichts finden können, dann kann ich auch nicht sterben. Genauuuuu. Lieber öfter durchchecken lassen und alles ganz genau nehmen und kontrollieren. Mit niemandem mehr reden, wer weiß wie schnell jemand aggressiv werden kann. Abstand halten. Einsperren. Den Partner gleich mit, oder die ganze Familie. Festhalten, den jüngeren alles verbieten, sie beschützen, es könnte nochmal passieren. Aufpassen. Vorsicht. Haushaltsunfälle. Alles sicher machen. Noch mehr kontrollieren und aufpassen. Man weiß ja nie.

Ich brauche Kontrolle. Aber bin ich dann nicht selbst tot, trotz lebendig zu sein? Wie bekomme ich bloß dieses Urvertrauen zurück? Ich will ja, aber ich kann nicht, ich habe Angst.

 

Du hast deine Beziehungen verloren (Freunde/Familie…)

Festhalten. Festhalten. Festhalten. Nie wieder loslassen. Klammern, aufpassen, beschützen. Warum lassen sie das nicht zu? Ich will sie nur beschützen. Doch ich bekomme nur Abstand. Selbst auf Abstand gehen? Nicht mehr die Liebe zu und ranlassen, lieber wegdrücken, einhüllen, verstecken und zurück ziehen. Dann ist es doch vielleicht auch nicht so schlimm, wenn nochmal eine(r) stirbt? Gute Idee. Oder kommt dann nicht die Einsamkeit? Noch nicht, nein. Ich brauche die Ruhe. Sie werden es verstehen. Warum fragen sie mich nie mehr, ob ich dabei sein mag? Waren doch nur ein paar Monate des Rückzuges. Wollte doch nur mich selbst beschützen. Bin ich nun einsam? Nur noch Streit, nur noch Konflikte, nur noch böse Worte. Warum können wir nicht mehr normal reden? So wie früher, als du noch gelebt hast. Haben wir uns verloren? Unsere Kommunikation, unsere Basis, unsere Gemeinsamkeiten, unsere Freude? Wo sind all diese Dinge hin?

 


Heute, Jahre später kann ich sagen, dass ich diese verlorenen Dinge teilweise wiedergefunden habe und diese Zustände nicht hoffnungslos bleiben, falls du gerade mittendrin steckst.

Ich habe mich neu kennen gelernt und entwickelt.

Ich kenne heute so viel mehr an Ecken und Enden meines Ichs, die mir vor dem Tod gar nie bewusst waren. Ich habe Wesenszüge entwickelt, die so viel wertvoller sind, als viele, die ich früher hatte und mit dem Tod meiner Schwester abgelegt habe. Auch, wenn ein Teil von mir mit gestorben ist und nie wieder zurück kommen wird, kann ich dennoch sagen, dass ich heute ein weitaus besserer Mensch bin, der mit seinem charakterlichen Ich glücklich ist, was ich früher nicht war. Früher habe ich mein Wesen, meine Art gehasst.

Was hast du Neues an dir entdecken dürfen? Wer bist du heute?

Mein neuer Platz

Vor dem Tod meiner Schwester war ich viel mit jungen Studentinnen unterwegs (ich war ja selbst eine), die oberflächlich waren und sehr angetan von alkohollastigen Partys. Vielleicht hatten sie sogar selbst auch Schicksale erlebt und es war ihr Weg, ich weiß es nicht, denn darüber hat nie jemand gesprochen. Tiefe gab es keine. Ich habe mich aber nach dem Tod meiner Schwester nach Tiefe und wertvoller Unterhaltung gesehnt. Eine lange Suche hatte begonnen. Im Sportbereich habe ich mehr und mehr an Menschen kennen lernen dürfen, denen ihr Körper wertvoll war und mit denen ich mich nüchtern und vernünftig unterhalten konnte. Natürlich gab es auch ein paar nicht so angenehme Menschen, aber ich habe gelernt mich von diesen abzuwenden. Die wertvollsten Gespräche habe ich jedoch in der Trauerarbeit und in meiner eigenen Reha erleben dürfen. Menschen, die einem sofort mit Tiefe und auf einer ganz anderen Ebene begegnen. Dort konnte ich sein, wie ich bin, konnte sprechen, was mich bedrückte und erfreute. Mich austauschen. Und ich wusste, da ist mein neuer Platz.

Ich glaube aber, dass auch in dieser Studentenwelt, in der Arbeitswelt und Sportwelt genau solche tiefen Gespräche passieren können, nur viel seltener, weil dieses Setting fehlt, weil wir Angst haben uns wirklich zu zeigen. Einfach weil wir viel zerbrechlicher sind, wenn wir es nicht sein dürfen. Der Schutzraum fehlt an diesen Orten.

Wo ist dein neuer Platz? Hast du ihn bereits gefunden?

Mein Körper ist mein bester Freund

Ich liebe meinen Körper. Ich liebe ihn wirklich und ich bin derart dankbar jeden Tag, dass er diesen schrecklich schmerzvollen Tod so wahnsinnig meisterhaft überlebt hat, wo ich doch derart oft dachte, dass ich sterbe und ihn keinesfalls oft nur gut behandelt habe. Mein Körper wurde zu meinem besten Freund, den ich stets gut behandle und ihm respektvoll und achtsam begegne. Manchmal sind wir nicht einer Meinung, aber das gehört einfach zu einer Freundschaft dazu oder?

Ist dein Körper noch dein Feind oder trinkst auch schon Kaffee mit ihm und lachst gemeinsam?

Der Moment ist dir sicher

Meine Angst war unbeschreiblich, oder besser Ängste. Alles machte mir Angst. Ich wollte alles unter Kontrolle haben, denn was wenn nochmal die Kontrolle verloren geht. Diesen Weg gehe ich heute noch teilweise. Ich habe mittlerweile viele meiner Ängste hinter mir lassen können, aber einige sind ab und zu noch da. Ich glaube nicht, dass dieses Urvertrauen jemals wieder gänzlich zurück kommen wird, denn den Tod kann man auch nicht rückgängig machen. Aber ich habe in einer Sache sehr großes Vertrauen gefunden: im Augenblick. Der ist uns sicher, der kann bestimmt werden und den genieße ich in vollen Zügen.

Vertraust du schon oder suchst du noch nach deinem Vertrauen?

Die wahren Freunde und Familie

Viele Beziehungen scheitern an einem Todesfall. Auch ich musste viele Menschen gehen lassen, weil ich zu viel geklammert habe oder auf Abstand gegangen bin. Ich konnte nicht anders zu jener Zeit. Oder weil ich mich verändert habe und wir uns nicht mehr auf Augenhöhe begegnet sind.  Die wirklich wahren Freunde habe ich aber behalten, und da weiß ich, dass sie bleiben, egal welcher Sturm aufkommt. Und ganz viele neue wertvolle Freunde sind dazu gekommen. Und auch die Familie konnte wieder Familie werden. Wir mussten alle unsere Balance wieder finden, zwischen Festhalten und Einengen und Loslassen und Abstand halten. Mit viel Respekt dem anderen gegenüber und Akzeptanz konnten wir diese Balance erreichen.

Wie gelingt es dir diese Beziehungs-Balance zurück zu finden?


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All das braucht viel Zeit, Geduld und liebevollen Umgang mit dir. Dazu gehört auch, dass du dir für diese nicht so angenehmen Gedanken selbst vergeben darfst. All das ist normal und gehört dazu, seine neue Orientierung zu finden.

Das klingt vielleicht alles ein bisschen romantisch, ist es aber nicht. Auch ich habe heute noch schlechte Tage und ertappe mich manches Mal mit Fragen aus diesem ersten Jahr noch. Dann hilft mir sich darüber bewusst zu sein und hinzuschauen und zuzuhören. Denn nur wenn alle Sinne offen und bereit sind, wird sich wieder etwas in eine gute Richtung bewegen.


Was hast du noch verloren nach dem dein geliebter Mensch gestorben ist? Ergänze den Artikel gerne in den Kommentaren.