gegen gewalt an frauen

Am 25.11. ist seit dem Jahr 1981 der internationale Gedenktag an Frauen und Mädchen, die Opfer von Gewalttaten wurden. Auch meine Schwester Larissa wurde Opfer einer Gewalttat und musste dadurch in ihren jungen Jahren sterben. Mit diesem Tag soll die Aufmerksamkeit auf dieses Thema gerichtet werden. Ich schreibe heute darüber, um andere Frauen zu ermutigen sich helfen zu lassen, damit es nicht zu spät ist, wie bei meiner Schwester. Ich schreibe auch, um euch zu ermutigen anderen zu helfen, die in einer solchen Notlage sind. Und ich möchte dich auffordern aktiv zu helfen!

Ich habe selten so lange vor einem Artikel gesessen und überlegen müssen, geschrieben und wieder gelöscht wie bei diesem. Bereits 4 Jahre ist meine Schwester tot. Mit der Trauer habe ich gelernt zu leben und kann mittlerweile sehr gut mit ihr umgehen. Die Gewalttat an sich, der Mord und auch alles, was mit dem Thema Gewalt zu tun hat, bereitet mir noch große Angst, Unbehagen, Magenschmerzen, Unverständnis, Verwirrtheit, Surrealität, Leere, Fiktion…

Menschen sterben tagtäglich. Auch, wenn der Tod oft weit weg scheint, werden wir dennoch immer wieder mit ihm konfrontiert. Menschen sterben tagtäglich. Auf natürliche Weise, durch Krankheiten oder Unfälle, Schicksale, die passieren aber auch Suizid. Morde aber, sie passieren nicht einfach. Jemand entscheidet bewusst, ein anderes Leben zu beenden.Wie oft schauen wir uns Filme an, so genannte Actionfilme oder Thriller, in denen schnell mal eben ein Mensch getötet wird. Erschossen, erstochen, das Genick gebrochen… und auch erwü… . Ein Wort, das ich kaum niederzuschreiben vermag, geschweige denn wirklich aussprechen kann. Wir sehen diese Szenen in den Filmen, sie passieren so schnell und wir zeigen keine Reaktion, entwickeln kaum Gedanken dazu, was es denn wirklich bedeutet, wenn so etwas passiert.

Von einer Sekunde zur anderen wurde diese Fiktion zu meiner Realität. Meine Schwester wurde von einem jungen Mann, den sie bis dato ein paar Mal getroffen hat und 2 Monate kannte, in der Nacht von 13.9.2013 auf 14.9.2013 umgebracht. Aus Eifersucht auf einen Freund von mir, mit dem sie damals auf meiner Party redete. Sie war ein sehr lebenslustiger Mensch, freundlich und fröhlich zu allen, lachte für ihr Leben gerne und liebte das Leben. Doch dieser Mann entschied sich dafür ihr das Leben zu nehmen, das sie doch so sehr liebte. Details und Umstände zu dieser Nacht könnt ihr in all den Medien nachlesen und nächstes Jahr dann auch in meinem Buch, das ich gerade dabei bin zu schreiben. In Österreich passieren statistisch gesehen sehr wenige Morde. Und doch ist jeder einzelne einer zu viel. Über die Hälfte passieren in Beziehungs- und Familienverhältnissen. Das bedeutet, Opfer und Täter standen in einer Beziehung zueinander.

Was kann ich tun, um mich zu schützen?

Täter sind Opfer ihrer Gefühlswelt und ihrer Psyche

Täter sind Menschen. Ich habe viele Bücher gelesen, um versuchen zu verstehen, warum Menschen anderen Menschen so etwas antun. Ich kann es nicht verstehen. Jeder von uns hat irgendwann mal im Leben Gedanken aus den Emotionen heraus, dem Gegenüber jetzt eine rein schlagen zu können, ihm etwas antun zu wollen. Ich hatte das nach dem Tod meiner Schwester fast täglich. Es war meine innere Wut auf ihn, die ich aber nicht bei ihm abliefern konnte und sie deshalb an anderen Menschen auslassen wollte. Doch ich habe es nicht getan. Ich habe mich dazu entschieden, sie in den Griff zu bekommen, zu analysieren, und anzugehen.

Ich glaube Gewalt ist immer ein Ausdruck von Gefühlen, die zu lange unterdrückt wurden, für diese kein anderes Ventil, keine andere Herangehensweise gelernt wurde. Es ist eine Art Schrei des Herzens, der versucht wird zu stoppen, mit einer hilflosen Geste der Gewalt.

Nicht immer. Aber ich glaube bei ganz vielen. Sie wissen nicht wie damit umzugehen und schlagen, schießen, würgen einfach drauf los. Meine Schwester war genau zu einem solch emotionalen Zeitpunkt bei diesem jungen Mann, der sich und seine Gefühle nicht kontrollieren konnte. Am Ende steht aber immer noch die Entscheidung und das unterscheidet uns dann von Tätern. Er entschied sich dafür, obwohl er es stoppen und verhindern hätte können. Es lag in seiner Macht.

Ich weiß nicht, ob das hier Sinn macht oder etwas bringt. Aber, wenn auch du jemand bist, der seine Emotionen nicht unter Kontrolle hat und diese oft durch seelische oder körperliche Gewalt versucht einzudämmen, dann bitte ich dich hier ein Herz zu fassen und dir helfen zu lassen.

HIER findest du Möglichkeiten zu Hilfestellungen in Österreich.

Denn ich weiß, dass auch du nicht glücklich unter dieser Situation und den Umständen bist. Es liegt in deiner Hand etwas zu ändern und dein Leben und das der anderen besser zu machen. Mach den Schritt und ändere etwas, damit es nicht zu spät ist und du einer dieser Täter wirst!

Opfer, wehr dich!

Sich zu wehren und Hilfe zu holen ist wohl eines der schwierigsten Dinge. Meine Schwester hatte sich vergeblich gewehrt, wie aus dem Bericht hervorgegangen ist. Ich fragte mich sehr oft, ob sie sich nicht hätte retten können, wenn sie doch nur Selbstverteidigung gemacht hätte. Eine Antwort dazu werde ich niemals bekommen. Doch kann ich vielleicht andere Frauen und Mädchen dazu ermutigen sich an dieser Stelle auszubilden und diese Kampfkunst zu lernen.

Nach dem Mord an Larissa habe ich eine ganz liebe Polizistin kennen lernen dürfen, die Selbstverteidigung für Frauen unterrichtet und zwar in Form von Wing-tsun.

Ich durfte es ausprobieren, erlernen und sehen, dass durch einfache Bewegungen die Möglichkeit besteht dein Leben zu retten. Es gibt noch zahlreiche andere Arten der Selbstverteidigung. Informiere dich, was in deinem Ort für Angebote aktuell sind und mach den Schritt! Du weißt niemals, wann und ob du in eine solche Situation kommen wirst. Diese Selbstverteidigung kann dir in einem solchen Moment das Leben retten.

Selbstwert und Selbstbewusstsein steigern

Nicht allen Menschen kann von vornherein angesehen werden, ob sie zu Gewalttaten tendieren oder nicht. Bei manchen spürt man sehr schnell, dass sie keinen freundlichen Umgang in Konflikten pflegen. Wenn du Beziehungen eingehst und kurze Zeit später bemerkst, dass dieser Mensch einen eher kalten, lauten, gewaltvollen Umgang mit dir hegt, dann ist an der Stelle wichtig, sofort aus dieser Beziehung auszubrechen, bevor es noch schlimmer wird. Das ist verdammt schwer, ich weiß, und es hängt stark mit der Einstellung zu uns selbst zusammen. Ich weiß leider auch hier aus eigener Erfahrung wie das ist.

Nach dem Tod an meiner Schwester war ich eine lange Zeit in einem schlimmen Trauma gefangen. Oft habe ich mich als Versagerin in meiner Rolle als älteste Schwester gefühlt. Mein Selbstwertgefühl und mein positives Denken wurden vollkommen zerstört. Wenig später habe ich einen Mann kennen gelernt, dieser ebenfalls ein Familienmitglied verloren hatte. Er schien mir im ersten Moment daher besonders vertrauenswürdig, liebevoll und ich fühlte mich dadurch verstanden. Wenige Monate später jedoch zeigte er eine ganz andere Seite von sich. Er wurde laut, begann mich in meinem Tun und Verhalten zu kontrollieren und schrie mich beinahe jeden Tag wegen Kleinigkeiten, wie ein falsches Wort oder ein falscher Blick, an.

Manchmal waren die Ausraster derart schlimm, dass ich vor Todesangst erstarrte. Dabei musste ich immer an meine Schwester denken, blieb in dieser Starre, ließ jegliche seelische Gewalt über mich ergehen. Ich hatte Angst, dass, wenn ich mich wehrte, er mir das gleiche antun könnte, wie es meine Schwester erleben musste. 

Deshalb wehrte ich mich nicht. Sein stark ausgeprägtes narzisstisches Wesen schaffte es mich derart einzuwickeln und zu beherrschen, dass ich mich kaum losreißen konnte. Er nützte meine Angstzustände für sich, um mich noch mehr an sich zu binden. Mittlerweile lebte ich schon in Wien. Eines Tages waren wir in Tirol auf Besuch und ich bekam die Erlaubnis für zwei Stunden meine Freunde alleine zu treffen. Als sie mich sahen, erschraken sie und betonten, wie schrecklich erschöpft und fertig ich doch aussehe. Erstmals gestand ich alles, was ich in dieser Beziehung erleben musste. Zurück in Wien beschloss ich zu fliehen. Ich wohnte bei ihm. Niemandem von unseren gemeinsam Freunden konnte ich davon erzählen, aus Angst sie würden mir nicht glauben. Zwei unabhängige Freunde von ihm aber hatte ich. Bei diesen konnte ich die nächste Zeit unter kommen. Ich packte einen Rucksack mit den nötigsten Sachen und machte mich in der Früh auf den Weg zur Arbeit, mit dem Wissen Abends nicht mehr zurück zu kommen. Über eine ausführliche Mail ließ ich ihn alles wissen. Gespräche waren nicht möglich, weil sie immer in gewalttätigen Auseinandersetzungen endeten. Es dauerte noch fast 4 Monate und brauchte die Unterstützung der Polizei und einer Therapeutin, um sich endlich von ihm vollkommen zu befreien. So viel zur Kurzversion. Mit dieser Beziehung könnte ich allein schon ein ganzes Buch füllen.

Ich habe mir selbst lange Zeit Vorwürfe gemacht, dass ich all das mit mir machen hab lassen. Meine Vernunft sagte mir jeden Tag, dass ich mich doch wehren soll, dass ich gehen soll und dass das nicht richtig war, was er mit mir gemacht hat. Meine Angst lähmte mich aber. Seine Worte schafften es immer wieder mich nach unten zu drücken, mir das Gefühl zu geben, dass ich nichts wert sei, dass ich jegliche Schuld trug an seinem Verhalten, dass mit mir nichts stimmt und ich ein bösartiger Mensch sei.

Das tun Narzissten. Sie sind nicht wirklich beziehungsfähig und der Partner muss voll und ganz nach deren Regeln funktionieren. Ich war wie eine Marionette, die nach seinen Wünschen handelte.

In allen Dingen des Lebens, und, wenn es nur darum ging, wann ich meine Zähne putzen durfte. Auch der Mörder meiner Schwester hatte eine sehr stark ausgeprägte narzisstische Persönlichkeitsstörung. Warum habe ich mich dann nur auf eine solche Beziehung eingelassen fragst du? Ich weiß es nicht. War es mein Trauma? War es, weil er all meine wunden Punkte bezüglich des Mordes gekonnt nützte, um mir weiter Selbstwert zu nehmen und ich gefangen war in dieser Spirale? Oder ließ ich es so viele Monate zu, weil ich unbewusst nachfühlen konnte, was meiner Schwester passierte und wie sie sich fühlte? So oft hatte ich den Gedanken, dass es doch mich hätte treffen müssen, anstatt ihr.

Nun stehe ich hier, vollkommen nackt vor dir, entblößt, bis in mein tiefstes Innere. Warum? Um dir zu helfen, um dir Mut zu zusprechen, dass es wichtig ist, mit jemandem darüber zu sprechen. Es ist notwendig jemandem Bescheid zu sagen und sich helfen zu lassen.

Jahrelange Therapie und das Auseinandersetzen damit haben mich gelehrt und zu dem Schluss gebracht, dass ich schlichtweg Opfer einer narzisstischen Persönlichkeit wurde. Weil ich in dem Trauma war, weil ich dadurch empfänglich für solche Menschen war, weil ich kein Selbstbewusstsein hatte und mir ohnehin Schuldgefühle auferlegt hatte. Und doch habe ich mich nach Monaten aus eigener Kraft aus dieser giftigen Beziehung geflüchtet.

Und DU kannst das ebenfalls schaffen! Wenn du in einer solchen Beziehung steckst, sage ich dir: Es gibt Hilfe und du bist nicht alleine. Du bist nicht Schuld, du bist gut so wie du bist und du hast eine solche Behandlung nicht verdient. 

Dabei ist ungemein wichtig, dass du dein Selbstbewusstsein und deinen Selbstwert steigerst. Sei es dir selbst wert aus dieser Beziehung zu gehen! Es ist unfassbar schwer und benötigt ganz viel Kraft, ich weiß. Du hast vielleicht auch Ängste, was dann vielleicht mit deinen Kindern passiert, oder wo du wohnen sollst, wie du dein Leben finanzieren sollst. ABER du hast nur dieses eine Leben, und auch ich habe damals tagelang in einem winzigen Zimmer gelebt, ohne Geld, ohne Hab und Gut, ohne Zukunft und doch habe ich Wege und Mittel gefunden, um wieder zurück ins Leben zu finden. Es gibt IMMER einen Weg sag ich dir. Gib dich nicht auf! Wenn du wirklich da drin steckst, dann schreibe mir, jetzt sofort und wir werden eine Lösung finden oder wende dich an all die Kontaktdaten, die ich unten bereit stelle. Jeder von ihnen wird dir weiterhelfen und keiner wird dich einfach zurücklassen!

HILFE FÜR DICH:

Österreich:

Frauenhelpline

Weisser Ring

Tirol:

Gewaltschutzzentrum

Frauen helfen Frauen

Deutschland:

HilfeTelefon

Frauenhauskoordinierung

Schweiz:

Beratungsstelle für Frauen


Der 25.11. – Internationaler Gedenktag

Ich kann mich noch an den ersten 25.11. nach dem Mord an meiner Schwester erinnern. Es war ein Montag im Jahr 2013. Meine beste Freundin Sarah aus Berlin war auf Besuch bei mir in Innsbruck. Auch über diesen Tag schrieb ich in meinem Larissa Buch:

Am Abend war eine Demo gegen Gewalt an Frauen. Wir standen am Fenster und haben uns das Spektakel angesehen. Plötzlich schrie Sarah laut: „Kuck mal da is Larissa!!“ In dieser Sekunde schaute ich runter und suchte verzweifelt dich, dich als Person, als lebenden Menschen, gehend in der Menge mit einem Schild in der Hand. Für ein paar Sekunden fühlte es sich an, als würdest du leben. Ich vergaß was geschah, oder dachte, dass alles nur ein böser Traum war. In diesen Sekunden schwirrten zahlreiche Gedanken in mir aber vor allem glaubte ich wirklich dich sofort in der Menge entdecken zu können. Und das tat ich dann tatsächlich. Als Foto auf einem Demo-Schild, das besagte: „Stoppt Gewaltverbrechen an Frauen!“. In dieser Millisekunde des Erkennens traf die Realität mich mit einer Wucht wie nie zuvor. Ich war geschockt, verwundert und überrascht wie sehr du als lebender Mensch in mir noch verankert bist. Deinen Tod zu akzeptieren ist das Schwerste. Ich vermisse dich so sehr und liebe dich von ganzem Herzen. Deine Katrin.

Meine Schwester diente plötzlich als Warnschild gegen Gewalt an Frauen. An jenem Abend musste ich noch lange darüber nachdenken. Besonders kam in mir der Wunsch hervor, dass ich damit vielleicht anderen Frauen und Mädchen irgendwann helfen könnte, aus gewalttätigen Beziehungen raus zu kommen oder sich Hilfe zu holen. Einer meiner Wünsche war immer eine Art Charity Veranstaltung zu machen. Dieses Jahr war es endlich soweit. Mit Hilfe von anderen Trainern und in Unterstützung mit der Bäckerei Therese Mölk veranstaltete ich am 25.11. einen Charity Workout Marathon in Innsbruck!

Charity Marathon

 

Die Initiative Frauen helfen Frauen unterstützen Frauen, die Gewalt erfahren mussten. In diesem Sinne habe ich die Initiative anhand von diesem Spenden Workout Marathon unterstützt und hier noch genauer eine Frau daraus:

„Frau S. ist vor 5 Jahren aus Ungarn gekommen, sie ist alleinerziehend mit 3 Kindern im Alter von 13, 11 und 2 Jahren.
Sie hat mittlere Deutsch – Kenntnisse, jedoch eine einfache Schulausbildung und keine Berufsausbildung.
Wir kennen Frau S. schon einige Zeit und wissen, dass sie immer wieder in ausbeuterischen und gewaltbereiten Beziehungen war,
und sich nach schwerem Kampf letztendlich loslösen konnte.
Sie lebt alleine mit ihren Kindern in Innsbruck, sie ist sehr bemüht und hat als Reinigungskraft gearbeitet; im Sommer hatte sie einen Unfall, auf den Krankenstand und Kündigung folgte;
Sie lebt derzeit von Krankengeld; Mindestsicherung, Alimente und Mietbeihilfe erhält sie nicht.“

Wir haben an diesem Tag trainiert, geschwitzt, gelacht, gegessen und jede Menge gespendet! Genau genommen waren es 392 Euro, die wir zusammen gebracht haben. Für manche vielleicht eine kleine Summe, für mich ein großer Erfolg und für Frau S. einen Monat lang sich keine Sorgen zu machen wegen ihrer Miete und ein schönes Weihnachtsfest gestalten zu können.

Die Übergabe fand im Frauenzentrum mit Bettina Hotter statt:

frauenzentrum tirol

Ich und Bettina Hotter bei der Übergabe