In der Trauertheorie sprechen viele oft von unterschiedlichen Trauerphasen, die aneinander folgen. Weil dies aber nicht konkret festlegbar ist, erklärten die Theoretiker, dass diese Phasen nie eine fixe Reihung besitzen, sondern abwechselnd auftreten können. Auch zu späteren Zeitpunkten sei nicht ausgeschlossen, dass sich die Phasen immer wieder vermischen. Aus meiner persönlichen Erfahrung her halte ich nicht besonders viel von diesen Phasen. Sie mögen Psychologen und Theoretikern helfen, diese einzuordnen, die Realität aber sieht ganz anders aus. Trauer kommt in Wellen, manche hauen dich um, andere wiederum wirbeln dich vollkommen durch und du ertrinkst fast daran und einige bringen dich nur ein bisschen ins Schwanken. Sie kommen vom ersten Tag an und bleiben auch Jahre später Teil deines Lebens. Deshalb ist wichtig zu spüren, wann sich eine aufbaut und mit welcher Größe sie dich erreichen wird, um sie dann zu surfen anstatt darin zu ertrinken.

Wie erkenne ich eine Welle?

Am Anfang des Verlustes sind die Wellen derart hoch und intensiv, dass sie eindeutig erkennbar sind. Wild wirst du durch den Strudel der Gefühle geschleudert und erstickst fast daran. Du hast das Gefühl niemals aus diesem Strudel wieder raus zu kommen. Aber irgendwann legen sich die Wellen und es kommt sogar zu einer ruhigen „See“. Du fragst dich nun, ob das wohl so bleiben wird oder sich doch wieder eine Welle aufbauen wird. Oh ja, ich kann dir versprechen, mehr als nur eine. Jedoch werden die Wellenabstände größer und du nimmst sie kaum mehr als Wellen der Traurigkeit wahr, sondern glaubst andere Auslöser dafür zu haben. In Wahrheit sind es aber fast immer Wellen des Schmerzes, die mit dem Verlust zu tun haben.

Kennst du diese Tage, an denen du das Gefühl hast ständig aus dem Gleichgewicht zu sein? Nichts klappt, was du dir vorgenommen hast. Du ärgerst dich über jede Kleinigkeit und Handlung, weißt aber nicht so recht warum. Du fühlst dich unwohl in deinem Körper, bist grundlos schlecht drauf. Vielleicht sind es die Hormone. Ja vielleicht. Du erwischst dich an diesen Tagen oft mit dem Gedanken einfach wegzurennen, bis dich deine Füße nicht mehr tragen. Alles wird dir schnell zu viel und nichts kann dich zufrieden stellen. Dazu kommen Schmerzen im Brustbereich und eine Art Druckgefühle, die dir das Atmen erschweren. Obwohl du nicht recht weißt was es ist, versuchst du dich anhand von Süßigkeiten kurzzeitig zu befriedigen und stellst dann enttäuscht fest, dass es dir genauso geht wie zuvor, wenn nicht noch schlechter. Über dem Meer in dem du gerade stehst braut sich ein Gewitter auf und das Wasser beginnt Wellen zu schlagen. Die Wellen der Trauer haben dich wieder einmal erreicht. Versuch nicht dagegen anzukämpfen, sondern schnapp dir dein Surfbrett und reite sie. Du kannst nicht surfen? Keine Angst, ich konnte es auch nicht.

Beginne zu surfen

Der erste Schritt ist in sich hineinzuhören und fragen, woher kommt das jetzt wirklich gerade? Warum bin ich gerade derart aufgewühlt und unzufrieden? Um sich da selbst wirklich spüren zu können, musst du dir unbedingt Zeit nehmen. Oh ich weiß zu gut, dass das nicht immer möglich ist. Du musst deshalb nicht gezwungenermaßen alles auf der Stelle liegen und stehen lassen, ABER dies sollte noch am selben Tag passieren. Nimmst du dir diese Zeit nicht und ignorierst dieses Wellenbad, werden sie stetig größer und du somit unruhiger und unglücklicher, bis sie dich schlussendlich überschwemmen und du so auf Dauer alleine nicht mehr raus kommst. Klar, ein Rettungsschwimmer kann ganz sexy sein, aber hey, wir sind starke Frauen und rumgeschleudert zu werden ist wirklich kein angenehmes Gefühl.

Wie in einer Waschmaschine

Meist passiert dies in den ungünstigsten Momenten. Die Welle hinter deinem Rücken türmt sich auf , du versuchst noch davon zu schwimmen, doch sie ist zu stark und zieht dich mit nach oben und dann plötzlich kippt sie. Worte, ein Streit, eine Erinnerung, eine stressige Situation bei der Arbeit…. zahlreiche Auslöser können die Welle zum Kippen bringen. Dir kommen die Tränen, du wirst panisch und ärgerst dich, weil das genau in dieser Situation passiert. Dadurch musst du noch mehr weinen und schnappst nach Luft, oder du haust noch eine Ladung Wut und Aggression mit drauf. Die Situation eskaliert. Du weißt nicht mehr wo oben und unten ist, du kämpfst gegen deine Gefühle an, die dich brutalst herum schleudern. Bis du am Ende vollkommen kraftlos und peinlich berührt an den Strand gespült wirst. Genau diese Momente willst du vermeiden und genau deshalb solltest du dir ein Brett besorgen und drauf surfen.

Hast du also einen ruhigen Moment gefunden dann ist der nächste Schritt sich folgende Fragen zu stellen: Vielleicht malst oder schreibst es dir auf, das kann manchmal bei der Visualisierung helfen.

  • Was genau belastet, ärgert mich gerade und ist es wirklich den Ärger wert?
  • Wenn du an deinen Verlust denkst, was empfindest du dabei? Schmerz? Freude? Dankbarkeit? Wie geht es dir heute und in diesem Moment damit?
  • Leg deine Hand auf dein Herz und spüre, ob sich da ein Schmerz auftut? Wenn ja, woher kommt er?

Wenn sich dann plötzlich Traurigkeit aufballt und du weinen musst, dann weißt du, dass es sich um eine Welle handelt. Ja das tut verdammt weh und du hast wieder das Gefühl, dass es dir nun das Herz zerreisst. Wenn du diese Traurigkeit aber gut dosierst, Stück für Stück die Tränen zulässt und deine Trauer für den Moment hinfort weinst , dann weißt du was surfen heißt.  Du wippst auf deinem Brett den Schmerz der Welle entlang und fühlst dich mit jeder Träne ein bisschen leichter und freier. Dann springst du vom Brett ins Wasser, spürst in dein Herz hinein, ob da noch eine weitere Welle kommt, beginnst zu paddeln, wenn dem so ist und nimmst sie erneut in Angriff.

Ja du hast Angst, dass du vielleicht nie wieder aufhören kannst. Ich verspreche dir, du wirst!

Ich kenne diese Angst und habe selbst schon Tage erlebt, an denen ich bis zu 10 Stunden weinte. Aber irgendwann kam nach dieser Flut an Wellen auch wieder Ebbe. Und sogar, wenn ich manchmal vor geschwollenen Augen kaum sehen konnte und mein Körper sich danach erschöpft anfühlte, spürte ich dennoch eine enorme Erleichterung.

Sobald du also im Alltag spürst, dass sich Unruhe und ein Unwohlsein in dir auftut, aber nicht deine Tage dran Schuld sind (obwohl diese auch enorme Wellenauslöser sein können), bereite dich vor, dass das Meer beginnt die Wellen der Trauer zu schlagen. Schaffst du es bereits diese kleine Unruhe zu erkennen, kannst du schneller handeln und darauf eingehen. Dabei ist immer wichtig sich ausreichend Zeit zu nehmen und  die Dinge zu tun, die dir einfach gut tun. Wenn du dir regelmäßig eine Auszeit gönnst und dich mit deinem Verlust und deiner Trauer beschäftigst, dann muss es zwangsläufig nicht zu derart großen Wellen kommen. Du kannst dich an jeder kommenden Welle nun probieren, je mehr du übst, desto besser wirst du surfen können und keine Angst mehr haben.

Schwingt die Meeresoberfläche nach einem Sturm an Wellen glatt und ruhig vor sich hin, dann setz dich auf dein Surfboard, tanke Kraft, genieße die Aussicht und mach dich bereit. Denn die nächste Welle kommt bestimmt wieder, aber diesmal kannst du sie surfen. Ich glaub an dich! Du bist ein Surfergirl!


 

Erzähle mir doch von deinen Surferlebnissen? Wie empfindest du das Wellenreiten und wie geht es dir danach immer?